Rohrkrepierer – Eine Jugend auf St. Pauli

Die neue Graphic Novel von Isabel Kreitz

Buch Cover Rohrkrepierer Eine Jugend auf St Pauli Isabel KreitzEine Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland: Was Konrad Lorenz in seinem autobiografischen Roman „Rohrkrepierer“ beschreibt, hat Isabel Kreitz nun bildlich in eine beeindruckende Graphic Novel übersetzt.

Erzählt wird die Kindheit und Jugend von Kalle. Er wächst im Hamburger Stadtteil St. Pauli auf. Doch hätte sich diese Geschichte sehr ähnlich auch in jeder anderen deutschen Stadt zutragen können: Das Spielen auf den Straßen und in den Ruinen, die Mütter, die mit dem alltäglichen Überleben der Familie beschäftigt sind, die Väter, die gefallen oder verschollen sind, oder schwer traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. All das hat eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen im Deutschland der 50er und 60er Jahre so erlebt. Es ist eine Zeit, in der sie die überlebensnotwendige Härte der Erwachsenen zu spüren bekommen. Sie sind oft auf sich allein gestellt und müssen lernen mit den Nachkriegsfolgen zu leben: Väter, die sich in den Alkohol flüchten, Mütter, die auf dem Schwarzmarkt für das Überleben der Familie sorgen, Beziehungen der Eltern, die in Trümmern liegen. Aber das Alleinsein ist nicht nur eine Bürde, es verschafft Ihnen eine ungeheure Freiheit. Kalle und seine Kumpels ziehen durch St. Pauli und lernen das Leben ganz unverblümt kennen und treffen auf wahre Freundschaft, die erste Liebe und andere Abenteuer.

Konrad Lorenz ́autobiografischer Roman „Der Rohrkrepierer“ begeisterte die Hamburger Comiczeichnerin Isabel Kreitz sofort. In ihrer gleichnamigen Graphic Novel verdichtet sie den Stoff und spürt in atmosphärischen Bildausschnitten den Ereignissen vor etwa 60 Jahren nach. Die Künstlerin setzt dabei Sepiatöne mit blauen Einfärbungen ein, die zusammen mit den unterschiedlichen Perspektiven die Erzählung sehr plastisch machen, geradezu filmisch. Meisterhaft schafft sie Spannungsbögen, variiert die Geschwindigkeit der Erzählung und gibt nicht nur einen vielschichtigen Einblick in die Welt der Protagonisten, sondern zeichnet auch ein detailliertes Bild von Hamburgs St. Pauli der Nachkriegszeit.

Isabel Kreitz
Die 1967 in Hamburg geborene Illustratorin wurde bereits mehrfach für ihre Comics und Ihre Arbeiten ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Comic-Preis des Comicfestivals Hamburg, dem Sondermann-Preis der Frankfurter Buchmesseund zuletzt als „Beste deutsche Zeichnerin“ mit dem Max und Moritz-Preis des Comic-Salons Erlangen (2012).

Isabel Kreitz hat an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg studiert und kam während eines Gastsemesters an derNew Yorker Parsons School of Design auf den Gedanken, sich fortan hauptberuflich mit Comics und Cartoons zu beschäftigen.Seither hat sie zahlreiche Comicalben, Hefte und Graphic Novels veröffentlicht und verdient ihr Geld – außer mit dem Verfassen und Zeichnen von Comics – mit Illustrationen aller Art.

Konrad Lorenz
Autor des Romans „Rohrkrepierer“. Konrad Lorenz wurde 1942 im Hamburger Stadtteil St. Pauli geboren. Er ging dort zur Schule und absolvierteeine Lehre als Maschinenschlosser. Schon als Jugendlicher ging er seiner künstlerischen Begabung nach, malte viel und schrieb zahlreiche Kurzgeschichten, die in den 60er Jahren erschienen. Dennoch heuerte er auf einem Frachter an, um der Wehrpflicht in der Bundeswehr zu entgehen.Er fuhr über Jahre als Ingenieur zur See, erst mit 55 Jahren, als er in Frührente ging, widmete er sich wieder dem Schreiben. 1991 wurde sein fantastischer Roman „Das Nachtschattenspiel“ veröffentlicht, 2011 sein autobiografischer Roman „Rohrkrepierer“ (Edition Temmen), dessen Fortsetzung unter dem Titel „Der Dwarsläufer“ 2013 erschien.

Isabel Kreitz im Gespräch

1. Wie entstand die Idee, den Roman „Rohrkrepierer“ in eine Graphic Novel zu übersetzen?
„Nach meiner Büro-Übersiedlung nach St. Pauli hatte ich den Wunsch, die Umgebung in einer längeren Geschichte abzubilden, die ich schon zuvor im Hirn hatte, aber noch nicht angehen mochte. Mir fehlte der richtige „Ton“, ich wusste nicht, wie ich die authentische „Sprache“ meiner Protagonisten finden sollte, alles, was ich bereits zu Papier gebracht hatte erschien mir zu künstlich. Mein „Vermieter“, der Pastor der St. Pauli-Kirche, drückte mir eines Tages ein Buch in die Hand, dessen Autor kurz zuvor in der Kirche gelesen hatte. „Rohrkrepierer“ von Konrad Lorenz traf genau den Ton, den ich gesucht hatte. Statt eine eigene Geschichte zu konstruieren beschloss ich, Konrad zu fragen, ob ich seinen Roman benutzen dürfe um eine Graphic Novel zu zeichnen.“

2. Woher kommt Ihre fast filmische Herangehensweise an die Geschichte „Rohrkrepierer“?
„Meine persönliche Comic-Sprache steht dem Film sehr viel näher, als der Literatur. Wenn ich einen Comic entwerfe, zeichne ich ein Storyboard, d. h. ich skizziere kleine Seiten und schreibe die Dialoge an den Rand. Das zeigt im Grunde schon, welche Gewichtung Bild und Text für mich haben. Der Dialogtext unterstützt das Bild um die Geschichte zu erzählen, nicht Andersherum. Ich habe großen Spaß beim austüfteln von Möglichkeiten, Texte in Bilder zu übersetzen, ohne zusätzliche Hilfsmittel, etwa Textkästen mit Orts und Zeitangaben o.ä, nutzen zu müssen, Bildinhalte zu verdichten und den Raum zwischen zwei Bilden möglichst weit auszudehnen. Möglicherweise ist das ein Überbleibsel aus meinen „Lehrjahren“ in einem Cartoon-Studio für Zeitungs- und Zeitschriftencomics.“

3. Wie genau entsteht denn ein Isabel Kreitz Comic – welche Arbeitsschritte gehören dazu?
„Ich habe das Prinzip der industriellen Produktionsweise der Studios übernommen und die Arbeit in drei bis vier Schritte aufgeteilt, die ich hintereinander abarbeite. BeiLiteraturadaptionen (wie dem Rohrkrepierer) beginne ich erst einmal den Text zu strukturieren, indem ich Handlungsbausteine erfasse und sie in verschiedenen Zeitebenenanordne. Im Text können zeitliche Abläufe ja viel freier, weniger chronologisch eingesetzt werden, als im Comic. Der zentralste und wichtigste Arbeitsschritt ist für mich das Storyboard. Im Storyboard enthalten sind bereits kleine Seitenlayouts. Darin lege ich die Bildfolgen und Dialoge jeder Einzelseite fest. Hier teile ich einen Text in Worte und Bilder auf, entscheide also, welche Information ich wie transportiere. Ich kann die Lesegeschwindigkeit solcher textloser Passagen durch Verwendung großer Übersichtsbilder senken, bzw. mit Hilfe vieler kleiner Bilder erhöhen.In die Filmsprache übersetzt, wären das lange oder kurze Schnitte. Bild und Text eines Panels sollen zu einem Zeichen verschmelzen. Fünf bis sechs Bilder ergeben eine Seite. Ich achte darauf, dass das Lesen der Texte in den Sprechblasen in der gleichen Geschwindigkeit passiert, wie das Lesen der Bildinformation. Bewegt sich zum Beispiel in einem Bild ein Objekt mit hoher Geschwindigkeit, sollte die Textmenge entsprechend knapp sein, um die Bewegung nicht „einzufrieren“. Eine Szene mit statischen oder bewegungslosen Objekten lässt hingegen eine größere Textmenge zu. Textmenge und Anzahl der Bilder werden also bereits im ersten Arbeitsschritt aufeinander abgestimmt und das Seitenlayout wird entworfen. Bei der Verteilung der Dialoge auf die Einzelbilder sollten die Szenen am Ende einer Einzel- oder Doppelseite beendet werden. Das Umblättern kann dabei ganz wie ein Szenenwechsel im Film genutzt werden.

Mich reizt die Problemlösung bei der Übersetzung von Text-Informationen in Bild-Informationen. Mit der Fertigstellung des Storyboards bin ich schon in der Lage, die Geschichte erstmalig zu lesen. Text und Bild sind dabei in meiner Vorstellung bereits zu einer Einheit verschmolzen. Ich kann nachjustieren und korrigieren, wo es noch Verständnisprobleme gibt, oder die Geschwindigkeit nicht stimmt. Ich kann Szenen umbauen, Bilder, Texte und ganze Seiten verändern. Bin ich einigermaßen zufrieden mit dem Storyboard, beginne ich mit der Bildrecherche für die Vorzeichnungen. Da ich die Szenen bereits in meiner Vorstellung sehe, versuche ich Bildvorlagen zu finden, die eine Schnittmenge bilden aus meiner Vorstellung und realen Gegebenheiten. Es ist mir wichtig, die vorhandenen Quellen sichtbar zu machen, Originalschauplätze und authentische Fahrzeuge etc. zu zeigen. Ich erzähle ja die Lebensgeschichte einer realen Figur in Bildern. Nur die authentische Wiedergabe der Schauplätze und Details, soweit dokumentiert, machen für mich Sinn. Bei der Vorzeichnung nutze ich schon viele der groben Mini-Skizzen aus dem Storyboard für den Bildaufbau. Ich versuche, die ganze Seite im Blick zu behalten und wechsle Perspektiven, nahe und ferne Objekte, um die Seite interessant zu machen. Nach Beendigung der Vorzeichnungen kommt die Reinzeichnung und damit der langweiligste Teil meiner Arbeit.

Alle Zutaten sind vorhanden, Text und Bild sind festgelegt, Abgesehen von kleineren Korrekturen ist dies die Phase in der ich viele Hörbücher benötige. Der Rest ist Technik. Scannen der Originale und das Einfügen der Texte durch einen Computerfont. Für zukünftige Projekte wird es wohl auch andere Herangehensweisen geben. Möglicherweise verlangen die Geschichten nach einer anderen Grafik. Wichtig ist mir, dass Erzählung und Bild in einen sinnvollen Zusammenhang stehen. Ich habe die Aufgaben von Text und Bild für meinen Bedarf klar definiert, sicherlich weniger originell als zweckorientiert.“

Termine mit Isabel Kreitz und Konrad Lorenz:

Hamburg
23. September 2015, 19 Uhr
Buchpremierenparty „Rohrkrepierer“, Eintritt frei
Silbersack, Silbersackstraße 9, 20359 Hamburg

Hamburg
1. Oktober 2015, Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr
Buchvorstellung und Lesung „Rohrkrepierer“, Ausstellung, Spende als Eintritt erwünscht
St. Pauli Kirche, Pinnasberg 80, 20359 Hamburg

Hamburger Comicfestival
10. Oktober 2015

Frankfurt am Main
14 + 15. Oktober 2015
Signierstunde, Isabel Kreitz zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse
Signierstunde

Berlin
29. Oktober 2015, 20 Uhr
Buchvorstellung und Lesung „Rohrkrepierer“
Max und Moritz, Oranienstraße 162, 10969 Berlin