Rob Davis / Miguel de Cervantes „Don Quixote“

Don Quixote ist Weltliteratur. Jeder kennt den Ritter von der traurigen Gestalt und seinen Gefolgsmann Sancho Panza. Wer den Klassiker schon immer einmal lesen wollte, aufgrund des Seitenumfangs aber gezögert hat, der bekommt jetzt eine Alternative. Die Graphic Novel von Rob Davis hält sich eng an die Vorlage von Miguel de Cervantes. Kapitel für Kapitel wird die Geschichte des Adligen Alonso Quexana erzählt, der zu viele Ritterromane gelesen hat. Fortan nennt er sich Don Quixote de la Mancha und zieht auf seinem treuen Pferd Rosinante als fahrender Ritter auf einer witzigen, sympathischen und verrückten Suche nach Abenteuern durch das Land, immer im Kampf gegen echtes und vermeintliches Unrecht. Sei es der Kampf gegen Windmühlen, die Schlacht mit einer Hammelherde, die Erbeutung einer Barbierschale in der Ansicht, dies sei der Helm des Mambrin, meist enden die Abenteuer mit Prügel oder anderem Ungemach für Don Quixote und seinen Knappen.

Buch Cover Miguel de Cervantes Rob Davis Don QuixoteNominiert für den Eisner Award 2014

Miguel de Cervantes, ein Spanier aus verarmter Adelsfamilie, geboren im Jahr 1547, führt ein abenteuerliches Leben. Schon früh begeistert er sich für die Literatur und fällt mit seiner schriftstellerischen Begabung auf. Er studiert Theologie und folgt einem gelehrten Kardinal nach Italien. Dort nimmt als 22jähriger Soldat des spanischen Heeres an verschiedenen Kriegszügen in Italien teil. Auf der Rückkehr in seine Heimat gerät er in Gefangenschaft und wird nach Algerien verschleppt. Erst nach fünf Jahren und mehreren Fluchtversuchen wird er vom Trinitarierorden freigekauft und kehrt nach Spanien zurück. Immer wieder verdingt er sich als Soldat, immer wieder wird er in Gerichtsprozesse verwickelt, es entstehen aber auch seine ersten Theaterstücke und Erzählungen. 1584 heiratet er eine wohlhabende Bauerntochter, trennt sich aber bereits nach wenigen Jahren glückloser Verbindung wieder. 1602 beginnt er sein Hauptwerk „El ingenioso Hidalgo Don Quixote de la Mancha“ (Der sinnreiche Junker Don Quixote von la Mancha), mit dem er schon zu Lebzeiten Berühmtheit erlangt. Vor 400 Jahren, 1615, veröffentlichte er den 2. Teil des Werkes. 1616 stirbt er verarmt in Madrid – sein Tod jährt sich 2016 ebenfalls zum 400. Mal.

Rob Davis begann 1989 damit Comics zu veröffentlichen. Außerdem arbeitete er als Illustrator und Cartoonist für Zeitungen und Kinderbuchverlage. Als Comic-Zeichner war er beteiligt an der Neuausgabe von Roy of the Rovers, an Judge Dredd und Doctor Who. Für die Adaption des Don Quixote hat Davis eine wunderbar knarzige Zeichensprache gefunden, die ausdrucksstark den Charakter des Helden und seines beleibten Mitstreiters Sancho Pancha wiedergibt. Das Zusammenspiel von Bild und Sprache machen Spaß, die unfreiwillige Komik des Don Quixote wird nur allzu deutlich.

Rob Davis im Interview:
Du bist Brite, hast dir das Nationalbuch Spaniens genommen und einen Comic daraus gemacht. Wie kam’s dazu? Gehört es zu deinen Lieblingsbüchern?
Es ist das Nationalbuch Spaniens, aber es ist auch eines der größten Werke der Weltliteratur. Seine Themen sind universell, sein Humor und seine Menschlichkeit sind universell. Dieses Buch hat mich fasziniert, verwirrt, viele Male umgehauen und schließlich mitgenommen. Don Quixote hat viele Leserschaften überdauert und das wird auch so weitergehen, solange er gelesen wird. Ich hatte mir vorgenommen, dafür zu sorgen, dass Leute, die ihn vielleicht nie gelesen hätten, die Möglichkeit dazu bekommen, und dass ihn Leute, die ihn schon gelesen haben, mit neuen Augen sehen können.

Don Quixote ist ein ziemlich dicker Wälzer, viele Seiten und jede Menge Inhalt. Wie lief der Prozess ab, ihn in einen Comic zu adaptieren?
Ich glaube, eine Adaption ist eine eigene Lesart eines Werkes und ich glaube auch, es ist wichtig, dass eine Adaption wie ein eigenständiges Werk wirkt. Ich werde oft gefragt, ob mein Quixote dem Original „treu“ sei. Es wäre ein Verrat an Cervantes gewesen, wenn ich sein Buch sklavisch Wort für Wort übertragen hätte oder das Original aus ehrfürchtigem Respekt wie ein Denkmal behandelt hätte, das man bewundert, aber verstauben lässt. Ich wollte das Buch für eine neue Leserschaft lebendig machen, und dazu musste ich zwei Neuerungen einbringen. Ich wollte das Buch nicht um der Abwandlung willen abwandeln; ich wollte es für den Leser zu einem Erlebnis machen, wie es die damaligen Leser erlebt haben mochten. Eine dieser Veränderungen war die Verwendung einer altertümlich klingenden Sprache für Don Quixote, während ich die aller anderen Figuren modernisiert habe. So könnte den damaligen Lesern Quixotes belesene Sprache vorgekommen sein, sie sorgt für einen scharfen Kontrast zwischen ihm und allen um ihn herum. Wenn wir das Buch heute lesen, wird dieser Kontrast nicht so deutlich. Ich habe versucht, ihn stärker hervorzuheben.

Don Quixote wurde schon oft adaptiert. Wurdest du von irgendeiner der früheren Umsetzungen beeinflusst?
Eigentlich nicht. Ich kenne die Versuche von Orson Welles und Terry Gilliam, das Buch zu verfilmen, und beide entschieden sich dafür, der Geschichte einen modernen Charakter zu geben oder sie ins moderne Amerika zu verlegen. Wie ich vorhin schon sagte, wollte ich den Leser das Buch originalgetreu erleben lassen. Am Anfang habe ich mir viele visuelle Auslegungen von Don Quixote angesehen und sicherlich haben viele davon meine Herangehensweise unbewusst beeinflusst. Die Zeichnung von Picasso, die wunderbaren Arbeiten von Gus Bofa und auch die berühmten Versionen von Doré und Daumier flossen alle mit ein. Letztendlich wusste ich aber, dass ich mir für meine Version eine rustikale, angerostete und abgewetzte Optik wünschte. Es sollte nicht zu sauber aussehen. Außerdem experimentierte ich mit den Farbpaletten, um unterschiedliche Stimmungen zu erzeugen, die dabei helfen, zwischen den Geschichten innerhalb der Geschichte hin und her und zurück zur Haupthandlung zu wechseln. Das Original platzt schier vor Experimentierfreude und Metaerzählungen, daher musste ich das in die Bilder einbringen, um Cervantes’ Vision gerecht zu werden.

Was kann der heutige Leser aus Don Quixote lernen?
Don Quixote ist der erste moderne Roman, vielleicht sogar der erste Roman überhaupt; er ist postmodern und das 300 Jahre vor der Moderne. Seine Dekonstruktion des Helden, der Männlichkeit und der Liebe ist unübertroffen. Seine Darstellung der Freundschaft zwischen Don Quixote und Sancho Pansa wurde
auch noch nicht überboten. Man muss mit den beiden so stark lachen, dass es wehtut, und so heftig weinen, dass es glücklich macht. Es ist niemals die Sache des Autors, dem Leser zu sagen, was er aus einem Buch mitnehmen soll, aber Don Quixote bietet eine wahre Fülle an Erfahrung. Ich habe meine eigenen Herzensangelegenheiten und inneren Konflikte in Cervantes’ Flickwerk miteingewoben, und jeder Leser wird darin auch seine eigenen finden.

Rob Davis in Berlin:
Am 23. April 2015 findet im Instituto de Cervantes in Berlin ein Künstlergespräch statt.
Moderation: Lars von Törne, Tagesspiegel
Ort: Instituto de Cervantes, Rosenstr. 18-19, 10178 Berlin
Zeit: 19.30 Uhr
In englischer Sprache
Der Eintritt ist frei

Anfang Juni ist Rob Davis auf dem Comic Festival in München und am 8. Juni zu
Gast im Literaturhaus in Köln

Rob Davis
Don Quixote
Euro 24,99 (D) / Euro 25,70 (A) / sFr 35,50
296 Seiten, gebunden
Format: 17,0 cm x 24,0 cm
ISBN: 978-3-7704-5518-8
Egmont Graphic Novel